Oh wie schön ist Leutesdorf

Es waren einmal ein kleiner Fuchs und ein kleiner Dachs. Der Fuchs hieß Fritz und der Dachs hieß Dora. Sie wohnten zusammen in einem kleinen Haus in Leutesdorf. Das Haus stand nicht weit vom Rhein entfernt. Wenn morgens die Sonne aufging, konnte man sie durch das Fenster glitzern sehen. Und wenn ein Schiff vorbeifuhr, wackelte manchmal sogar die Tasse auf dem Küchentisch. Fritz und Dora fanden das ganz normal. Sie fanden auch die Weinberge normal. Die alten Häuser. Die schmalen Straßen. Die Mauern aus Stein. Die vielen Treppen. Und natürlich den Rhein. Alles war einfach da. Und was immer da ist, bemerkt man irgendwann nicht mehr.

Eines Morgens saß Dora am Küchentisch und schaute auf ihr Handy. „Fritz!“, rief sie. Fritz kam aus dem Garten. „Was ist?“ „Ich habe gerade den schönsten Ort der Welt gesehen.“ Fritz schaute auf das Handy.

Dort war ein riesiger Wasserfall zu sehen. Das Wasser stürzte von hohen Felsen herunter, und unten war ein See, der blau leuchtete. „Wo ist das?“, fragte Fritz.„Keine Ahnung.“ „Aber du hast es doch gefunden.“ „Auf Instagram.“ Fritz betrachtete das Bild.„Dann müssen wir dahin.“ Dora nickte. „Genau.“  „Wo ist das?“„Ich weiß es nicht.“

Also beschlossen sie, einfach loszugehen. Dora packte ihr Handy ein. Fritz packte einen Rucksack. Drei Brote. Zwei Äpfel. Eine Flasche Wasser. Und eine kleine Decke. „Warum nimmst du die mit?“, fragte Dora. „Falls wir unterwegs einen besonders schönen Platz finden.“ „Das finden wir bestimmt.“ Und so machten sie sich auf den Weg.

Die Reise beginnt

Sie gingen zuerst durch Leutesdorf. Am Rhein blieb Fritz stehen. „Eigentlich ist der Rhein schon ziemlich schön.“ Dora sah ihn an. „Wir suchen aber einen Wasserfall.“ „Stimmt.“ Also gingen sie weiter. Sie kamen nach Feldkirchen. Dort setzten sie sich auf eine Bank. Dora machte ein Foto. „Das ist schön.“ Fritz schaute auf das Bild.„Warum postest du es nicht?“ Dora überlegte. "Vielleicht später." sagte sie nur.  Sie liefen weiter. Am Nachmittag kamen sie nach Irlich. Dora schaute auf ihr Handy.„Hier geht es links.“ Sie gingen links. Nach zehn Minuten standen sie vor einem Parkplatz. „Da ist kein Wasserfall“, sagte Fritz. Dora schaute wieder auf ihr Handy.„Oh.“ „Was?“ „Wir hätten rechts gehen müssen.“ Fritz seufzte. „Dann gehen wir eben rechts.“ Also gingen sie wieder zurück.

Am Abend kamen sie nach Neuwied. Dort war viel los. Autos fuhren vorbei. Menschen liefen herum. Kinder lachten. Hunde bellten. Dora hielt ihr Handy hoch und filmte. „Hallo, YouTube! Wir sind auf der Suche nach dem schönsten Ort der Welt.“ Fritz stellte sich daneben. „Und einem Wasserfall.“ Dora nickte. „Und einem Wasserfall.“ 

Eine Nacht unterwegs

Am Abend waren sie müde. Sie fanden eine Wiese und breiteten ihre Decke aus. Fritz holte die Brote heraus. Dora den Apfel. Sie aßen schweigend. Über ihnen wurde der Himmel dunkel. „Glaubst du, wir finden den Wasserfall?“, fragte Fritz „Bestimmt.“ „Und wenn nicht?“ Dora schaute auf ihr Handy. Der Akku war fast leer.„Dann müssen wir wohl ohne Google Maps weiter.“ Fritz wurde ein bisschen blass.„Das ist gefährlich.“ Dora lachte. „Warum?“ „Weil wir dann nur noch uns haben.“ Dora dachte darüber nach. Dann sagte sie: „Vielleicht ist das gar nicht so schlecht.“ In dieser Nacht schliefen sie unter den Sternen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit sahen sie etwas, das sie auf keinem Handy gefunden hatten. Am nächsten Morgen war der Himmel rosa. Der Rhein glänzte in der Ferne. „Schau!“, sagte Dora. Fritz setzte sich auf. „Was?“ „Der Himmel.“ Fritz sah nach oben. „Das ist schöner als der Wasserfall.“ Dora nickte. „Vielleicht.“ Dann stand Fritz auf. „Aber wir suchen weiter.“

Hoch hinaus

Sie gingen bergauf. Immer weiter. Der Weg wurde steiler. Dora musste einmal stehen bleiben. Fritz musste zweimal stehen bleiben. Beim dritten Mal behauptete er, er müsse nur eine Ameise begrüßen. Schließlich kamen sie nach Hüllenberg. Dort blieben sie stehen. Vor ihnen lag das Rheintal. Der Rhein schlängelte sich durch die Landschaft. Die Weinberge lagen wie große grüne Teppiche an den Hängen. Und irgendwo weiter unten lag Leutesdorf. Ganz klein sah es aus. Dora nahm ihr Handy heraus. Doch dann steckte sie es wieder ein. „Was ist?“, fragte Fritz. „Ich will erst schauen.“ Sie standen eine Weile schweigend da. „Fritz?“„Ja?“ „Findest du nicht auch, dass Leutesdorf von hier oben ziemlich schön aussieht?“ Fritz nickte. „Sehr.“ „Und wir wohnen da.“ „Ja.“ „Und wir sind extra weggegangen, um etwas Schönes zu finden.“ Fritz dachte nach. „Vielleicht haben wir die ganze Zeit in die falsche Richtung gesucht.“

Zurück

Sie machten sich auf den Rückweg. Durch die Weinberge. Vorbei an Feldkirchen. Durch Irlich. Und schließlich zurück Richtung Leutesdorf. Als sie den Rhein wieder sahen, blieb Fritz stehen. „Da ist er.“ „Wer?“ „Unser Wasserfall.“ Dora lachte. „Das ist der Rhein.“ „Ich weiß.“ „Der ist kein Wasserfall.“ „Aber er fließt.“ „Das tun Bäche auch.“ „Und Flüsse.“ „Und Wasserfälle.“ „Na also.“ Dora schüttelte den Kopf. Dann gingen sie weiter.

Zuhause

Am Abend kamen sie wieder an ihrem kleinen Haus an. Alles war noch genauso wie vorher. Die Tür. Der Garten. Die Bank. Der Briefkasten. Und der Rhein. Aber irgendwie war nichts mehr ganz genauso. Fritz setzte sich auf die Mauer am Ufer. Dora setzte sich daneben.

Ein Schiff fuhr vorbei. Die Sonne stand tief über den Weinbergen. Die Häuser von Leutesdorf leuchteten golden. „Weißt du, was komisch ist?“, sagte Dora. „Was?“ „Wir sind losgegangen, weil wir einen schönen Ort finden wollten.“ „Ja.“„Und am Ende sind wir wieder hier.“ Fritz nickte. Dann fragte er: „Haben wir eigentlich den Wasserfall gefunden?“ Dora überlegte. "Nein.“ Sie sah auf den Rhein.„Vielleicht ist der Wasserfall ja gar nicht das Wichtigste.“ Fritz schaute sie fragend an. Dora zeigte auf das Wasser.„Schau mal.“ Ein Sonnenstrahl glitzerte auf dem Rhein. „Wenn man lange genug hinsieht“, sagte sie, „sieht er fast aus wie ein Wasserfall.“ Fritz grinste. „Ein ziemlich flacher Wasserfall.“ „Aber unser Wasserfall.“ Sie saßen noch lange dort. Dora nahm ihr Handy heraus. Sie machte ein Foto, postet es auf Instagram und schrieb darunter: Oh, wie schön ist Leutesdorf. 

Und seit diesem Tag unternahmen Fritz und Dora oft kleinere Tagesausflüge. Aber jeden Abend kamen sie wieder nach Hause. Nach Leutesdorf. Denn sie hatten gelernt: Manchmal muss man ganz weit weggehen, um zu entdecken, wie schön es vor der eigenen Haustür ist. 

Und wenn jemand sie fragte, wo denn nun der schönste Ort der Welt sei, sagten sie:„Das kommt darauf an.“ „Worauf?“ „Ob du gerade hinschaust.“

Und manchmal, wenn die Sonne über dem Rhein unterging, saßen Fritz und Dora am Ufer und schauten einfach nur aufs Wasser.

Ganz ohne Handy. Ganz ohne Instagram. Ganz ohne YouTube.

Denn manche Dinge sind so schön, dass man sie nicht fotografieren muss. Man muss sie nur sehen.

Der Arbeitskreis Kunst und Kultur Leutesdorf